Die stationäre Gesundheitsversorgung im Bodenseekreis steht an einem entscheidenden Punkt. Die wirtschaftliche Situation des MedizinCampus Bodensee (MCB) ist das Ergebnis einer langen Entwicklung: Über Jahrzehnte wurde das Krankenhaus in Friedrichshafen subsidiär für den Landkreis betrieben – eine Aufgabe, die die Stadt inzwischen finanziell nicht mehr stemmen kann. Damit obliegt laut Landeskrankenhausgesetz die Verantwortung beim Kreis, für eine funktionierende Versorgung der Bevölkerung zu sorgen. Die laufende Planinsolvenz des MCB macht deutlich, wie dringend tragfähige und zukunftsfeste Lösungen gebraucht werden.
Aktuell werden – verständlicherweise vertraulich – zwei Wege geprüft: die Übernahme durch einen privaten Träger oder ein Zusammenschluss mit dem ebenfalls kommunal geführten Oberschwabenklinik-Verbund (OSK) in Ravensburg. Als Kreisrat der Grünen setze ich mich klar dafür ein, dass die stationäre Gesundheitsversorgung auch künftig in kommunaler Verantwortung bleibt und gemeinsam weiterentwickelt wird.
Ein zentraler Grund für die heutigen Defizite liegt auch in den bestehenden Strukturen. Über Jahre hinweg standen der MCB und die OSK in einem Wettbewerb zueinander – um Fachpersonal, um medizinische Leistungen und um Fallzahlen. Zwei kommunale Häuser in zwei Landkreisen mit jeweils rund 250.000 Einwohner*innen, die parallel versuchen, ähnliche Versorgungsangebote vorzuhalten, schwächen sich gegenseitig. Dieser Wettbewerb ist weder wirtschaftlich sinnvoll noch gesundheitspolitisch klug.
Hinzu kommt eine besondere geografische Situation: Das Einzugsgebiet des Krankenhauses in Friedrichshafen ist durch den Bodensee faktisch auf etwa 180 Grad begrenzt. Anders als Kliniken im Hinterland kann der MCB sein Versorgungsgebiet nicht ausweiten. Diese strukturellen Rahmenbedingungen lassen sich nicht „wegoptimieren“ – sie erfordern Kooperation statt Konkurrenz.
Nur in einem Zusammenschluss kann eine tragfähige Struktur entstehen: mit klar abgestimmten Schwerpunkten, einer sinnvollen Aufgabenverteilung zwischen den Standorten und einer gemeinsamen Strategie für Personalgewinnung, Investitionen und medizinische Qualität. Ein kommunaler Klinikverbund ermöglicht genau das – ohne den Druck, kurzfristige Renditeinteressen bedienen zu müssen.
In der Debatte wird häufig auf Länder wie Dänemark oder die Niederlande verwiesen, die mit weniger finanziellen Mitteln bessere gesundheitliche Ergebnisse erzielen. Diese Vergleiche sind wichtig – sie müssen aber richtig eingeordnet werden. In Dänemark etwa ist die gesundheitliche Grundversorgung steuerfinanziert organisiert, ohne die Zwischenschaltung von Krankenkassen. Jede Bürgerin und jeder Bürger hat direkten Zugang zu den notwendigen Leistungen. Vor allem aber wurde die Krankenhauslandschaft dort politisch gesteuert, langfristig geplant und kommunal verantwortet. Effizienz entstand nicht durch Privatisierung, sondern durch klare Zuständigkeiten, Kooperation und öffentliche Verantwortung.
Genau daraus lässt sich für unsere Region lernen: Wenn wir Strukturen konzentrieren, dann muss das eingebettet sein in ein Gesamtkonzept der Versorgung. Dazu gehört zwingend auch die ambulante Versorgung. Zwar ist sie formal keine originäre Aufgabe des Landkreises, faktisch aber eng mit der Krankenhausplanung verbunden. Wenn stationäre Leistungen gebündelt werden, entstehen längere Wege – und diese haben unmittelbare Auswirkungen auf Patient*innen, Angehörige und Beschäftigte.
Deshalb müssen Gesundheitsplanung, ambulante Angebote und öffentlicher Personennahverkehr zusammengedacht werden. Gute Versorgung heißt auch: erreichbar zu sein – unabhängig von Auto, Einkommen oder Wohnort. Das ist eine klassische Frage von Gerechtigkeit und Daseinsvorsorge.
Private Klinikträger handeln – legitim – nach betriebswirtschaftlichen Kriterien. Sie sind ihren Eigentümer*innen verpflichtet, nicht dem Gemeinwohl. Bundesweit zeigt sich, dass dies häufig zu einer Konzentration auf lukrative Leistungen führt, während weniger profitable, aber gesellschaftlich unverzichtbare Bereiche unter Druck geraten. Für einen Flächenkreis wie den Bodenseekreis wäre das ein hohes Risiko.
Mir ist bewusst, dass es in dieser Situation keine einfachen Lösungen gibt. Aber gerade deshalb halte ich es für richtig, jetzt eine klare Leitplanke zu setzen: Die stationäre Gesundheitsversorgung im Bodenseekreis kann nur gemeinsam, koordiniert und in öffentlicher Verantwortung dauerhaft gesichert werden. Dafür werde ich mich einsetzen.

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