Eine persönliche Einordnung
Die Diskussion um die Zukunft der stationären Gesundheitsversorgung im Bodenseekreis hat viele Menschen bewegt – verständlicherweise. Hinter uns liegen rund zwei Jahre intensiver Debatten, schwieriger Abwägungen und politischer Entscheidungen mit großer Tragweite.
Ich möchte die Situation aus meiner persönlichen Perspektive einordnen – ausdrücklich nicht im Namen der Grünen Kreistagsfraktion, sondern als Frank, als Kreisrat und als jemand, der diesen Prozess sehr intensiv erlebt hat.
Was beschlossen wurde
Am Mittwoch, den 13. Mai 2026, hat der Kreistag in öffentlicher Sitzung in der Irishalle in Eriskirch beschlossen, die stationäre Gesundheitsversorgung im Kreis in die Hände der Ameos AG beziehungsweise der Ameos Friedrichshafen GmbH zu legen.
Unabhängig davon, wie man persönlich zu dieser Entscheidung steht, halte ich einen Punkt für wichtig: Gefährdet war aus meiner Sicht nicht die grundsätzliche Sicherstellung stationärer Versorgung – wohl aber ihre konkrete organisatorische Ausgestaltung und Qualität. Auch wenn in der öffentlichen Debatte teilweise andere Bilder gezeichnet wurden.
Denn selbst dann, wenn das Konzept von Ameos nicht aufgehen sollte, bleibt die Verantwortung nach §3 Landeskrankenhausgesetz klar beim Kreis – und aus ihr können wir uns nicht herausziehen.
Auf jeden Fall wird sich die Krankenhauslandschaft in der Region spürbar verändern. Ameos verfolgt nachvollziehbarerweise eine Wachstums- und Expansionsstrategie. Das ist zunächst eine nüchterne betriebswirtschaftliche Realität und keine Wertung. Das wird Auswirkungen auf andere Häuser in der Region haben: auf Helios in Überlingen, vermutlich auch auf Asklepios in Lindau und selbstverständlich auf die OSK in Ravensburg.
Wie es zu dieser Situation kam
Die Ursachen der heutigen Lage reichen deutlich weiter zurück als die vergangenen zwei Jahre.
Akut wurde die Situation aus Sicht des Landkreises spätestens, als sich insbesondere Kreisrät:innen aus Friedrichshafen fraktionsübergreifend zusammengeschlossen und sehr deutlich auf die Verantwortung des Kreises hingewiesen haben. Hinzu kam die öffentliche Erklärung des Gemeinderats der Stadt Friedrichshafen, die bisherige Trägerschaft nicht länger aufrechterhalten zu können beziehungsweise zu wollen.
Für viele Kreisrät:innen war das zunächst ein harter Einschnitt. Über Jahrzehnte hinweg hatte die Stadt Friedrichshafen diese Aufgabe subsidiär übernommen – und war darauf auch zu Recht stolz. Für die meisten war das der natürliche Standardzustand.
Es hat eine gewisse Zeit gebraucht, bis allen Beteiligten klar wurde, dass §3 des Landeskrankenhausgesetzes selbstverständlich auch im Bodenseekreis gilt. Die Diskussionen dazu waren teils intensiv, auch innerhalb einzelner Fraktionen. Ich bin froh, dass wir Grünen vergleichsweise schnell wieder zu einem konstruktiven Miteinander gefunden haben.
Warum die Entscheidung schwierig war
Die Entscheidung war nicht deshalb schwierig, weil es eine „gute“ und eine „schlechte“ Lösung gegeben hätte. Schwierig war sie, weil jede denkbare Variante erhebliche Risiken und offene Fragen mit sich brachte.
Hinzu kam, dass viele Verhandlungen nichtöffentlich stattfinden mussten. Das war aus meiner Sicht unerquicklich, aber in einem Bieterverfahren nachvollziehbar: Kein Anbieter soll bis zuletzt wissen, welche Bedingungen mit anderen verhandelt werden.
Gleichzeitig hatte diese Vertraulichkeit eine Kehrseite. Uns Grünen hat sehr beschäftigt, welche Auswirkungen die verschiedenen Szenarien auf die Beschäftigten des MCB haben würden. Vieles wussten wir, manches konnten wir aufgrund der Verschwiegenheitspflichten aber öffentlich nicht kommentieren.
Auch im Kreistag verschob sich der Fokus zunehmend auf finanzielle Risiken, Kreisumlage und einzelne Millionenbeträge. Ich konnte diese Perspektive nachvollziehen – gerade Bürgermeister:innen stehen in ihren Kommunen aktuell unter enormem finanziellem Druck, und jedes halbe Prozent Kreisumlage macht einen Unterschied.
Trotzdem hatte ich manchmal den Eindruck, dass die strategische Diskussion über eine langfristig tragfähige Krankenhausstruktur etwas zu kurz kam.
Denn auch die kommunale Variante gemeinsam mit der OSK/OBK war keineswegs frei von Risiken: Würde eine leistungsfähige Geschäftsführung den notwendigen Transformationsprozess stemmen können? Würde die Neuverteilung medizinischer Fachbereiche gelingen? Die Diskussionen in Öffentlichkeit und Presse haben gezeigt, wie unterschiedlich die Interessenlagen dabei waren.
Erschwerend kam der enorme Zeitdruck hinzu. Wir mussten entscheiden – ein weiteres Vertagen war faktisch keine realistische Option.
Warum ich eine kommunale Lösung bevorzugt habe
Ich selbst habe mich früh – ausdrücklich als Einzelperson und nicht im Namen der Fraktion – für eine kommunale Lösung ausgesprochen, auch öffentlich.
Für mich gehört stationäre Gesundheitsversorgung zur öffentlichen Daseinsvorsorge und sollte deshalb in kommunaler Verantwortung bleiben. Ein kommunaler Verbund bietet die Chance, Konkurrenz zwischen Häusern zu überwinden, Leistungen sinnvoll zu koordinieren und Entscheidungen am tatsächlichen Versorgungsbedarf statt an Renditeinteressen auszurichten. Gerade in unserer Region braucht es langfristige Planung, gute Erreichbarkeit und die Verknüpfung von stationärer, ambulanter Versorgung und Mobilität – das gelingt aus meiner Sicht besser in öffentlicher Verantwortung.
Innerhalb unserer Fraktion haben wir sehr intensiv diskutiert, Informationen aus anderen Regionen eingeholt, mit Verantwortlichen anderer Häuser gesprochen und nach Faktoren gesucht, die funktionierende Gesundheitsversorgung langfristig stabil machen.
Bereits im vergangenen Jahr hatten wir zu einer Fraktionsklausur einen Gesundheitsökonomen eingeladen, der die Situation in einen größeren Zusammenhang gestellt hat – auch im internationalen Vergleich.
Drei Erkenntnisse daraus, die meine Sicht besonders geprägt haben:
- Ein leistungsfähiges Krankenhaus mit breitem Angebot benötigt in der Regel ein ausreichend großes Einzugsgebiet. Diese ist bei uns erst mit den gemeinsam rund 500.000 Einwohnern der beiden Kreise Ravensburg und Bodenseekreis erreicht.
- Bei planbaren Eingriffen entscheidet nicht primär die räumliche Nähe über den Behandlungserfolg, sondern Erfahrung und Fallzahlen – vereinfacht gesagt: mehr Routine führt häufig zu besseren Ergebnissen.
- Im Gesundheitswesen liegt der langfristige Erfolgsweg eher in Kooperation als im Wettbewerb.
Im Laufe des Jahres entstand in unserer Fraktion zumindest mehrheitlich eine Präferenz für eine kommunale Lösung.
Als uns schließlich drei konkrete Angebote vorlagen, wurde deutlich: Keine Lösung war ohne Risiken. Die Konzepte unterschieden sich teils erheblich – sowohl medizinisch als auch finanziell.
Am Ende haben alle anwesenden Mitglieder unserer Grünen Fraktion für den Zusammenschluss mit der OSK gestimmt. Zwei abwesende Mitglieder hätten nach eigener Aussage für Ameos votiert.
Worauf es jetzt ankommt
Die Entscheidung ist gefallen.
Aus meiner Sicht geht es jetzt darum, sehr nüchtern und verantwortungsvoll darauf zu schauen, ob das gewählte Modell funktioniert – und dazu beizutragen, dass es erfolgreich werden kann, soweit das überhaupt in unserer Hand liegt.
Die ersten Prüfsteine werden relativ schnell sichtbar werden: Bekommt Ameos die gewünschten Leistungsgruppen zugeteilt? Unterstützen Regierungspräsidium und Landesregierung tatsächlich eine solche Konkurrenzsituation zu einer OSK, die zugleich mit erheblichen Landesmitteln ausgebaut wurde? Und gelingt ein Klinikneubau in der vorgesehenen Form – inklusive der erwarteten Förderquote?
Diese Fragen sind nicht nebensächlich, sondern zentral.
Denn wenn das Konzept nicht trägt, wird der Landkreis sehr schnell wieder in der Handlungsverantwortung stehen. Dann könnte die Situation am Ende schwieriger und teurer werden als die jetzt nicht gewählte Alternative.
Im Interesse der Einwohnerinnen und Einwohner – und besonders der Beschäftigten – wünsche ich mir, dass dieses Modell funktioniert. Zugleich bleibt es unsere Verantwortung als Kreis, sehr genau hinzusehen. Denn die Verantwortung für eine verlässliche stationäre Gesundheitsversorgung bleibt am Ende öffentlich.

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